Selbstoptimierung – Eine Herausforderung für die Spa-Branche

Achtsamkeit

Dr. Franz Linser auf dem Fachforum Wellness zur ITB 2014

Gastbeitrag von Dr. Franz Linser, Linser Hospitality GmbH

Und schon wieder sind wir mit einem neuen „Boom-Thema“ konfrontiert. Nach Individualismus, Gesundheit und Achtsamkeit werden wir jetzt von einem Selbst-Optimierungs-Hype überrollt. Ja in Fachartikeln und Trendanalysen ist bereits von einem neuen Zeitalter des „Self-Designs“ die Rede. Alle Facetten unseres täglichen Lebens werden zunehmend beobachtet, geprüft, aufgezeichnet und verglichen. In der Arbeit, in der Freizeit, ja sogar im Schlaf streben wir nach höherer Effizienz sowie nach Verbesserung unserer Werte, Funktionen und Lebensabläufe: immer noch schöner, noch jünger, noch attraktiver, noch leistungsfähiger.

Nun ist das Streben nach Exzellenz und bestmöglicher Nutzung unserer eigenen Fähigkeiten und Talente ja grundsätzlich etwas Erstrebenswertes und Gutes.

Man könnte sogar sagen, das Leisten-Wollen und das Besser-Werden-Wollen sind wertvolle Eigenschaften und Kennzeichen eines gesunden menschlichen Verhaltens.

Achtsamkeit

Ambitionierte Ziele, zum Beispiel ein Marathon, sind für Läufer eine beliebte Motivation.

Angesichts des derzeit grassierenden Persönlichkeits-Maximierungswahns stellt sich jedoch die berechtigte Frage, ob wir uns hiermit wirklich etwas Gutes tun. Statt uns nach der Arbeit endlich auszuruhen, arbeiten und basteln wir unentwegt weiter am perfekten Ich, wir dopen uns für den Stadt-Marathon, wir specken ab für die Bikini-Figur und spritzen uns auf für einen höheren Sex-Appeal. Wir lassen uns liften und stylen, wir messen Kalorien und Blutdruck, zählen unsere Schritte und Atemzüge, um irgendwann todmüde ins Bett zu fallen, wohlweislich mit unserem Smartphone im Anschlag, das zur Sicherheit den Ruhepuls und den Schlafrhythmus dokumentiert. Wir „loaden“ unsere mannigfaltigen Körperwerte „down“, vergleichen sie in Internetforen, chatten in „Self-Tracker Communities“ wir „benchmarken“ und gieren nach den jeweils besten Werten – permanent und rastlos auf der Suche nach dem tolleren Ich.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass der hektische moderne Lebensstil immer mehr Menschen aus der Balance wirft.

Heimliche Sehnsüchte nach Ruhe und Gelassenheit steigen in uns empor, intuitiv suchen wir nach Orten der Stille, der Zufriedenheit und der Achtsamkeit – in der Natur, in abgelegenen Resorts und eigens konzipierten Wellness-Oasen. Die Menschen suchen nach Stätten zum Auftanken und nach Menschen, die ihnen dabei helfen, wieder zur eigenen Mitte zu finden. Sie suchen nach Sinnhaftigkeit und Orientierung, nach Richtung und Perspektive für ihr Leben.

Achtsamkeit

Tools zur Selbstoptimierung schaffen Barrieren zum achtsamen Umgang mit sich selbst

Die Wellness- und Spa-Branche ist angesichts dieser Entwicklungen mehr als herausgefordert. Eine Branche, deren Selbstverständnis es ist, den Menschen zu mehr Gesundheit und Wohlergehen zu verhelfen und ihnen einen sinnvollen Ausgleich zum stressbetonten Leben anzubieten, muss sich mit dem Thema Selbst-Optimierung grundlegend auseinandersetzen.

Ist es die Rolle der Wellness-Branche, als verlängerter Arm der Optimierungsindustrie zu fungieren und deren Produkte und Verheißungen unreflektiert anzubieten? Liefert die Branche wirklich „Wellness“, wenn sie in botox-geschwängerten Silikon-Spas das Lied von der ewigen Plastik-Jugend anstimmt?

Oder hat die Branche den Mut, ihr umfassendes Know-How in Sachen Körper-Seele-Geist in die Waagschale zu werfen, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen, sein wahres Selbst finden zu helfen, ihn zu beruhigen, zu entspannen und zu sich selbst zu führen? Hat die Branche den Mut, ein wirksames Gegenkonzept zu dem wachsenden, stressfördernden und unglücklich machenden Selbst-Optimierungswahn anzubieten?

An dieser Frage wird sich die Zukunftsfähigkeit der Wellness-Anbieter wesentlich entscheiden. Nimmt die Branche ihre neue gesellschaftspolitische Rolle an und offeriert den Menschen nachhaltig gesunde Gegenstrategien zum krankmachenden Alltag oder schielt sie gemeinsam mit den Optimierungsfetischisten auf deren krampfhaft oberflächlichen Resultate.

 

Achtsamkeit

Dr. Franz Linser

Dr. Franz Linser

ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Linser Hospitality GmbH, einem international tätigen Beratungsunternehmen mit Sitz in Innsbruck, Österreich. Linser Hospitality hat sich auf die Beratung von Unternehmen aus den Bereichen Hotellerie, Wellness und Gesundheit spezialisiert. Das Leistungsportfolio reicht von der Entwicklung der gesamten Unternehmensstrategie samt Potential-, Trend- und Finanzanalysen bis hin zur umfassenden Angebots- und Produktentwicklung, Infrastrukturkonzept, Personalentwicklung und Qualitätsmanagement. Franz ist seit 20 Jahren im Gesundheitstourismus tätig, er entwickelte u.a. den größten Wellness-Cluster Österreichs und ist heute ein über die Grenzen des Landes anerkannter Stratege, Vordenker und Entwickler innovativer Hotel- und Gesundheitskonzepte. Darüber hinaus ist er ein gefragter Vortragender auf den großen Spa- und Wellness-Kongressen sei es in London, Bangkok, Kuala Lumpur, Paris, Barcelona, Moskau, Monaco, Berlin, Istanbul oder Neu Delhi. Sein Engagement und sein Weitblick werden in der gesamten Branche geschätzt.

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